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H.W. Käfer über Chawar Was die persische Lyrikerin Nahid Bagheri Goldschmied mit Chawar vorgelegt hat, ist mehr als ein exzellenter Entwicklungsroman im besten Sinn. Allein die Darstellung der Bewusstwerdung eines Menschen würde die Lektüre schon tausend Mal lohnen. Da gibt es keinen Vorgriff auf spätere Stufen der Einsicht, da stimmt jede Empfindung sowohl mit der Figur als auch mit den Stadien ihrer sich erweiternden Optik überein, da wird nicht auf ein ideales Menschentum zielstrebig hin erzählt, das Ende also vorweggenommen, sondern es ergibt sich Schritt für Schritt konsequent aus dem individuellen Leben wie auch aus den politischen Gegebenheiten der Zeit eine wachsende Einsicht. Für Ideale ist, welch schauriger Realismus, in dieser Welt der Unterdrückung ohnedies mit zunehmender Verwicklung weniger und weniger Platz. Die Naivität des Mädchens ist anfangs begleitet von dem Gefühl, sich in dieser Welt nicht auszukennen. Bagheri Goldschmied schaff es mit ihrer Erzähltechnik, dass der Leser trotz der subjektiven Darstellungsart in diesem Teil mehr Einblick ins Geschehen gewinnt als die Titelfigur. Älter geworden und konfrontiert mit der Welt des Geistes sowie den realen Abläufen der Politik, wächst das Unrechtsempfinden in Chawar. Da bleibt nicht viel Raum für das einzige Ideal in diesem Roman, die langsam aufkeimende reine Liebe. Ihr macht Politik ein grausames Ende. Da ist Mut nicht mehr als einerseits Aufsatzthema, das die Lehrerin gewordene Chawar ihren Schülerinnen in der Hoffnung stellt, ihnen die Augen für die Zustände zu öffnen, und anderseits auch nicht mehr als eine mehr oder weniger vergebliche Rebellion mit absehbaren Folgen für den, der ihn zu zeigen nicht mehr umhin kann. Mit Mut allein ist gegen die Macht nichts auszurichten.Voll von symbolischen Bedeutungen und über sich hinausweisenden Elementen ist diese Prosa. Die blinde Musikerin Maryam, um nur ein Beispiel zu nennen, scheint in ihrer Schönheit für die Kunst zu stehen. Sie kann sich neben den weltlichen Interessen ihres Mannes nicht behaupten und kommt in der Diktatur der Fundamentalisten zuletzt buchstäblich unter die Räder. Das ist ja auch eine Zeit, in der die Kunst verfolgt wird. Auf ähnliche Art, ohne dass die Figuren deshalb zu Typen werden müssen, ist jede Person in diesem Roman, und es sind erstaunlich viele, Träger eines über ihr individuelles Dasein hinausgehenden Gedankens. Selbst dem Büttel der Unterdrückung wird noch eine Persönlichkeit gestattet; der ehemalige Kellner des Stammlokals empfindet Scham vor Chawar, wie er die Todesnachricht von deren Freundin Sara überbringt.Mehr als ein Entwicklungsroman ist Chawar allerdings, weil es Nahid Bagheri Goldschmied gelungen ist, uns weder die doch sehr fremde, im Grunde noch feudale Lebensweise ihrer Jugend als exotisch darzustellen, noch uns das Fremde durch Vergleiche mit unserem Leben, das sie genau kennt, als Nahes anzudienen. So wird für den aufmerksamen und willigen Leser neben aller Spannung und Lebensfülle der Roman auch zur Realienkunde. Von den Schuluniformen im Schah – Regime, dem ummauerten Hausbau und der darin üblichen abgeschlossenen Lebensweise, den Ehegesetzen und Hochzeitsbräuchen, der Ausspeisung der Armen an hohen Festtagen und dergleichen wird so anschaulich und selbstverständlich berichtet, dass wir über diese Äußerlichkeiten Verständnis für das Leben im Iran und auch Verständnis dafür bekommen, wie fern uns das ist.Ein besonderer erzählerischer Kunstgriff ist im Umkippen des Erlebens von Chawar etwa in der Mitte des Buches zu sehen. Natürlich hätte Bagheri Goldschmied auch kurz sagen können, dass sich nun die Welt der Literatur aber auch die der Politik dem Blick der Herauswachsenden geöffnet haben. So aber, in dem sie die konkreten Künstlernamen, Buchinhalte, die politischen Gegebenheiten der Zeit in einer fast ermüdenden Menge aufzählt, verstehen wir wenigsten ansatzweise, welche Fülle an Welt, an anderer Welt auf das bisher eher behütete und ahnungslose Mädchen einströmt, und vermögen auch zu begreifen, welche Anstrengung der Verarbeitung dies für einen jungen Menschen bedeutet. Der Weg vom behüteten höheren Töchterchen zur engagierten, wachen Frau bekommt hier seine ernsthafte Grundlage, die ihn von allem gängigen Sozialkitsch abhebt.Mag dem Leser hierzulande auch manches, etwa der Heilige Reza, unbekannt sein und in seiner Funktion in dem Buch auch unerschlossen bleiben, ist zu hoffen, dass doch in dem Roman auch Anregung enthalten ist, sich mit den Details dieser Mischkultur aus alten persischen Elementen und sie überlagernden islamisch-arabischen Einflüssen weiter auseinanderzusetzen. Wer aber über Begriffe wie etwa den der Zeitehe hinwegliest und nicht vom Prostitutionsverbot des Korans weiß, dem mit der Zeitehe ein ebenso obskurer Ausweg geschaffen wurde wie dem allzu rigorosen Fastengebot mit der Erlaubnis der nächtlichen Völlerei, versäumt zwar die Gelegenheit, Näheres über eine fremde Kultur zu erfahren, es wird ihm aber darum nicht allzu Wesentliches der Romanhandlung entgehen. Denn in den allermeisten Fällen vermag die Dichterin uns Fremdes, statt es lang zu erklären, konzentriert darzustellen und zu zeigen, dass sich aus dem Zusammenhang das notwendige Wissen ergibt.Über all dies hinaus ist, ebenfalls durch Zeigen und nicht durch Theoretisieren, die Männlichkeit der Gewalt in dem Roman so angeklagt, dass die Anklage weder in Vulgär-Feminismus noch in Unverständnis für andere Gesellschaften umkippt. Von der menschenverachtenden feudalen Macht des Khan Mohammad, dem Menschen und auch Frauen traditionsgebunden nur Besitz sind, bis zu den (in diesem Buch nicht einmal erwähnten) fundamentalistischen Vergewaltigungen in den iranischen Gefängnissen, weil Jungfrauen dem Koran zufolge nicht hingerichtet werden dürfen, zieht sich ein Strang öffentlicher männlicher Gewalt, der um so mehr schaudern macht, als ihm nicht der in der westlichen Literatur fast schon übliche flache Topos des möglichen Paradieses und Frauendiktat gegenüber gestellt wird. Aus dieser Perspektive gelesen, stellt Chawar wieder die grundsätzliche Frage: in was für einer Welt leben wir eigentlich. Der Roman gibt keine Antwort. Er erweitert bloß das Feld der Frage. Und das ist mehr, als üblicherweise Romane leisten. |